Digitalradio in Niedersachsen

Seit einigen Tagen laufen in Sachen “Digitalradio in Niedersachsen” die Gemüter heiss. In vielen DAB-Befürworter-Gruppen werden die allerschlimmsten Szenarien an die Wand gemalt. Ist es wirklich so schlimm? Dieser Beitrag hilft vielleich ein paar Fakten zu transportieren.
Ist-Situation
Für diejenigen, die von Niedersachen bishher nur im Halbschlaf in der Schule gehört haben: in Niedersachsen gibt es den Norddeutschen Rundfunk mit seinen fünf Programmen. Bei NDR1-3 ist eine UKW-Vollversorgung gegeben, NDR4 (NDR Info) und NDR5 (N-Joy) müssen sich teilweise mit lückenhaften UKW-Ketten abfinden. Dazu gibt es noch ffn (Sendestart Ende 1986), Antenne Niedersachsen (Sendestart Mai 1990) und Radio 21 (Sendestart 2000). Seit Ende 2013 gibt es in einigen Regionen zusätzlich kommerziellen Lokalfunk. Last But Not Least sind seit den 1990ern nichtkommerzielle Lokalsender (NKLs) auf Sendung. Der NDR arbeitet langsam aber konsequent an der Aufschaltung seiner Programme auf DAB+, die Privaten haben offensichtlich kein Interesse daran in Niedersachsen eine DAB+-Struktur aufzubauen. Bei ffn und Antenne Niedersachsen ist es prinzipiell nicht erforderlich, beide verfügen jewels über ein leistungsstarkes UKW-Netz mit dem sie Niedersachsen technisch erreichen. Radio 21 arbeitet derzeit mit vergleichweise leistungsschwachen Sendern in Ballungsräumenn, viele dieser Sender sind nicht/schlecht synchronisiert und mobil kein Hörgenuß. Die NLKs und vor allem die kommerziellen Privatsender begnügen sich mit Resten und Lücken.
Antrag im Landtag
Alles in allem ist die Radiolandschaft in Niedersachen langweilig. Funktionierendes mobiles Internet für das Radiohören unterwegs wäre eine Idee dem gefühlt gleicheschaltetem Radio zu entkommen. Und genau das möchte die FDP Landtag mit ihrem “Antrag für eine digitale Radiozukunft” auf die Reise bringen. Dort fordert die Fraktion das Landeparlament zu folgenden Schritten auf:

1. sich konsequent zusammen mit dem Bund, anderen Ländern sowie den privaten und öffentlich-rechtlichen Sendern für einen marktgerechten Übergang in eine digitale Radiozukunft einzusetzen und ein klares, abgestimmtes Konzept zu erarbeiten
2. sich gegen ein UKW-Abschaltdatum auszusprechen
3. die Förderung der Verbreitung von DAB+ durch den Rundfunkbeitrag zu beenden
4. die Radiointeroperabilität technologieneutral auszugestalten
5. den Ausbau von schnellem Internet in der Fläche so voranzutreiben, dass auch die Nutzung von Radio via Internet rasch flächendeckend die Realität in Niedersachsen wird. Zur Partizipation des Hörfunks an 5G müssen die für die Radioverbreitung über 5G notwendigen Frequenzspektren dem Rundfunk zur Verfügung gestellt werden
6. die lokale, regionale und landesweite Radiovielfalt durch Zugang und Auffindbarkeit auf Plattformen sicherzustellen

Hier gibt es einen Videomitschnitt der Aussprache zu diesem Thema. Wer keine Lust auf diese Diskussion hat, kann hier die wichtgsten Statements nachlesen hat hier die Möglichkeit die rudimentären Standpunkte nachzulesen:

Stefan Birkner, (Jahrgang 1973), FDP
– Radio digital über Internet
– kein UKW-Abschaltdatum, Weiternutzung da bewährt
– 92% der Hörer empfangen ihre Programme über UKW
– DAB(+) hat sich seit 20 Jahren nicht bewährt
– Verabschiedung der Förderung von DAB+ über die Rundfunkbeiträge da teure und nicht zielführende Übergangstechnologie
– digitaler Radioempfang erfolgt derzeit über Smartphones und Smartspeaker
– bei den Öffentlich-Rechtlichen ist die Einführung von DAB+ Dank Rundfunkbeiträge ein recht einfacher Weg, für die privaten Sender ist es eine große Herausforderung (Parallelfinanzierung von zwei Technologien), eine Refinanzierung ist nicht gewährleistet (Gefährdung der Vielfalt in Niedersachen)
– Einsetzung für den 5G-Standard

Dr. Alexander Saipa, (Jahrgang 1976), SPD
– Radio wird überwiegend über UKW gehört
– die Technolgie (DAB +) konnte sich bisher bei uns (VerbraucherInnen in Deutschland) nicht durchsetzen
– das (technisch überlegene) Digitalradio hat bis heute einen schweren Stand, 6% hören vorwiegend über DAB+
– für fast 70% der Nutzer ist UKW die Hauptempfangsart
– das Internetradio ist mit knapp 10% verbreiteter als DAB+

Es gab noch Meldungen von der CDU, den Grünen und der AfD, im Anschluss wurde der “Antrag für eine digitale Radiozukunft” einstimmig angenommen.
Was bedeutet diese Entscheidung nun?
Meiner Meinung nach nichts, da es in Niedersachsen nur das bundesweite Paket auf 5C und die NDR-Pakte gibt. Die NLM als Niedersächsische Landesbehörder fördert meines Wissens kein Digitalradio. Sie war lediglich an einem Modellversuch der TU Braunschweig beteiligt, in dem die Regionalisierung von Gleichwellennetzen untersucht wurde. Es zieht sich also kein Privatsender aus DAB+ in Niedersachsen zurück da hier niemand sendet. Gerüchteweise gab/gibt es Budgets zur Förderung des DAB-Ausbaus seitens der NLM, diese werden vermutlich nun gestrichen sofern sie vorhanden sind.

Sturm im Wasserglas?
In zahlreichen Pro-DAB-Gruppen und -Foren waren Aufregung und Aufschrei sehr groß, Privatradioveranstalter und -verbände lobten hingegen die Entscheidung. Für den durchschnittlichen Radionutzer selbst hat sich nichts geändert und es wird auch vermutlich noch dauern bis sich etwas ändert. Seine Lieblingsprogramme bleiben sowohl via UKW als auch via DAB auf Sendung.

Visionen für die Zukunft
Radio via Internet ist in meinen Augen eine geniale Erfindung – sofern man eine stabile Empfangsleitungen und großzügig bemessene Streamserver besitzt. Würden alle terrestrischen Radionutzer gleichzeitig das Internet nutzen wollen, bricht es mit großer Wahrscheinlichkeit zusammen. Zusätzlich ist Bau und Betrieb von webbasierten Diensten mit hohem Aufwand verbunden (gerade im mobilen Bereich und speziell bei 5G wo Sendermasten mit 1km Abstand errichtet werden müssen). Klassischer Rundfunk – in welchem Wellenbereich auch immer – ist da wesentlich unkomplizierter, da es keine direkte Leitung zwischen Sender und Empfänger gibt.

DAB+ hält langsam aber kontinuierlich Einzug in Niedersachsen. Das beobachte ich in meinem lokalen Umfeld. Ich hoffe, dass sich kleine/lokale/regionale Anbieter zusammensetzen und eigene Pakete ohne Förderung der NLM auf die Beine stellen. Vielleicht gelingt ja sogar eine Kooperation mit dem NDR, in Hessen hat das ja auch mal eine Zeit lang funktioniert.

Luistercijfers April-Mai 2019

Die Top 3 der niederländischen Radiosender bleibt im Zeitraum April-Mai 2019 stabil. Interessant finde ich, dass sich NPO Radio 5 weiter nach Oben schieben kann. Hier alle Zahlen:

01. NPO Radio 2: 12.0 % (12.2 %)
02. Radio 538: 11.2 % (10.7 %)
03. Radio 10: 10.2 % (10.4 %)
04. Qmusic: 9.3 % (9.2 %)
05. Sky Radio: 8.5 % (8.3 %)
06. NPO Radio 1: 8.0 % (7.9 %)
07. NPO Radio 5: 4.6 % (4.3 %)
08. Radio Veronica: 3.6 % (3.3 %)
09. 100% NL: 2.9 % (3.0 %)
10. NPO 3FM: 2.6 % (2.4 %)
11. NPO Radio 4: 2.5 % (2.5 %)
12. SLAM!: 1.5 % (1.4 %)
13. Classic FM: 1.0 % (1.1 %)
14. Sublime: 0.7 % (0.8 %)
15. BNR Nieuwsradio: 0.7 % (0.7 %)
[Quelle: radiofreak.nl]

Wer sich in eine Zeitmaschine begeben möchte, kann sich hier die Zahlen von vor 10 Jahren anschauen. Seinerzeit gab es noch mehr an der Untersuchung teilnehmende Sender.

ma 2019 IP Audio II

Bei der Webradio-Nutzung ist der durchschnittliche Deutsche wenig experimentierfreudig. Die Top 20 bestehen auch in diesem Erfassungszeitraum aus den “Global Playern” (wobei “global” in diesem Fall nichts mit Ländern außerhalb Deutschlands zu tun haben). Hier die Top 20:

SWR3: 9.570.191 (8.911.839)
ANTENNE BAYERN: 8.425.803 (7.692.979)
1LIVE: 7.986.207 (7.376.638)
WDR 2: 7.438.503 (6.817.786)
NDR 2: 6.852.020 (6.210.098)
BAYERN 3: 4.646.633 (4.182.018)
Bayern 1: 4.634.293 (4.173.023)
Deutschlandfunk: 4.254.149 (4.010.359)
HIT RADIO FFH: 4.091.204 (4.128.543)
WDR 4: 3.685.671 (3.160.604)
ROCK ANTENNE: 3.060.657 (2.747.225)
NDR 1 Niedersachsen: 2.774.871 (2.390.808)
RADIO PALOMA: 2.678.096 (2.557.053)
N-JOY: 2.661.097 (2.375.498)
SWR 1 BW: 2.620.445 (2.900.154)
radioeins: 2.615.232 (2.413.041)
hr3: 2.271.431 (2.129.749)
radio ffn: 1.885.154 (1.917.203)
WDR 5: 1.777.189 (1.666.445)
Radio Hamburg: 1.600.366 (1.450.872)
ma IP Audio II
Die Ostseewelle ist mit 1.235.095 Sessions (1.114.670) nach wie vor der meistgehörteste Privatsender aus den neuen Bundesländern. Nach eigenen Angaben profitiert der Sender davon, dass Mecklenburg-Vorpommern das beliebteste Urlaubs-Bundesland ist. Das bestätigte mir kürzlich Antje Kagel (Assistentin Geschäftsführung Ostseewelle), die Urlauber nehmen “ihren Sender” einfach mit nach Hause. Nachvollziehbar, Ostseewelle hören ist zumindest für mich ein wenig wie Urlaub.

Hier noch ein zusätzliche Zahlen:
Bremen NEXT: 302.508
Radio Nordseewelle: 182.528 (157.293)
Radio Hannover: 138.268 (127.768)
Radio 38: 93.082 (83.184)

Die durchschnittliche Hördauer liegt bei 51 Minuten und 32 Sekunden (48′ 17″), Spotify kommt auf 105.556.725 Sessions (119.066.895). Quelle: rms.de