Die Katastrophe von Duisburg

Immer mehr Details rund um die Tragödie während der Loveparade vom vergangenen Wochenende werden bekannt. Die Nachrichtenlage ändert sich so schnell, ich könnte vermutlich im Stundentakt neue Erkenntnisse und Vorwürfe veröffentlichen. Das überlasse ich aber eher den grossen Nachrichtenseiten wie z.B. spiegel.de. Fakt scheint auf jeden Fall zu sein, dass viele Leute viele Augen zugedrückt haben – und das auf Kosten von mittlerweile 21 Toten. Unfassbar…

Lasst Euren Meinungen freien Lauf. Entweder hier oder auf den zahlreichen anderen Seiten im Netz, die sich mit der Loveparade 2010 beschäftigen. Ich war nur ein Besucher, der in etwa einem Kilometer Entfernung stand und über Handy von dem Unglück erfahren hat. Ich kann also nicht viel mehr sagen, als das was ich schon von mir gegeben habe. Und den nächsten Blockwart, der mich anspricht weil ich falsch herum auf dem Bürgersteig fahre, den werde ich auslachen. Wenn die Behörden sich offensichtlich nicht für Grossveranstaltungen interessieren, dann auch sicher nicht für die kleinen Vergehen des alltäglichen Lebens.

Loveparade 2010 – wer hat gepennt?

Eigentlich sollte es ein lustiger Samstag werden. Saufen und Feiern. Im Klartext: Mit Freunden nach Duisburg fahren, ein paar Bierchen trinken und irgendwann abends wieder zurück (mit leichtem Rauschen durch die wummernden Bässe auf den Ohren). Also genau das Gleiche was ich 1999 und 2002 in Berlin erlebt hatte. Aber es sollte anders kommen.

Loveparade Duisburg

Gegen 17.30 war ich am Duisburger Hauptbahnhof. Eine anscheinend gelassene Menschenmenge bewegte sich in allen Richtungen. Ich hatte mich dazu entschlossen die Eindrücke auf mich wirken zu lassen. Die Entscheidung war glaube ich sehr gut denn eine knappe halbe Stunde später erreichte mich die erste SMS in der von der Massenpanik die Rede war. Danach stand mein Handy nicht mehr still, viele erkundigten sich nach meinem Wohlbefinden (sofern sie denn durchgekommen sind, offensichtlich waren die Mobilfunknetzbetreiber nicht in der Lage Reservekapazitäten zu schaffen).

Da standen wir nun vor dem Hauptbahnhof und haben Schritt für Schritt per Handy versucht über die Ereignisse zu informieren. Wir haben mit vielen Leuten gesprochen und diskutiert, wir haben die zig Rettungswagen an der Strasse und die vielen Hubschrauber in der Luft gesehen. Von der Loveparade selbst haben wir nichts gesehen, ich wollte auch nichts davon sehen.

Loveparade Duisburg

Gegen 21.00 Uhr wollten wir dann weg. Raus aus dem Trubel, raus aus der Stadt. Also die paar hundert Meter zurück zum Bahnhof. Dort hatte die Polizei den Eingang abgesperrt. Also ab in die Unterführung neben dem Bahnhof um auf der anderen Seite rein zu kommen. In der Unterführung war genug Platz, die Stimmung war relativ entspannt. Plötzlich staute die Masse. Ich konnte zunächst nicht erklären warum, es war aber ein Eingang zum Bahnhof, der ebenfalls abgesperrt war. So standen wir lockere anderthalb Stunden in einer Menschenmenge, die langsam aggressiver und hektischer wurde. Ich war im dritten Schwung Menschen, der in das Gebäude gelassen wurde. „Nur nicht umfallen“ war mein Gedanke, während ich in den Bahnhof förmlich geschoben wurde. Mir war verdammt mulmig…

Gegen 22.30 war ich dann im Bahnhof. Überall standen Polizisten, Feuerwehrleute und Notärzte. Und überall kauerten Menschen, die zusammengebrochen und teilweise auch verletzt waren. Da durch diese bescheuerte Absperrmassnahme unsere Gruppe auseinander gerissen wurde, blieb mir nichts anderes übrig als zu warten. Und der Duisburger Hauptbahnhof ist schön – wenn man auf alte Schimanski-Filme steht und in den 70ern hängengeblieben ist. Alle Toiletten waren geschlossen (Rücksprache mit einem DB-Mitarbeiter), die Bahnsteige rappelvoll.

Loveparade Duisburg

Wir standen mit einem Teil der Gruppe an einem abgesperrten Seiteneingang. Immer wieder versuchten Leute über die Absperrung in den Bahnhof zu gelangen. Manche rutschten durch, manche wurden von der Bereitschaftspolizei zurückgeschickt. Ein Loveparade-Besucher wurde von einem Beamten ziemlich forsch angefasst und zurück geschubst. Da wir eh Langeweile hatten und auch den Rest warten mussten, haben wir den Polizisten gefragt warum er so grob reagiert. Antwort: „Ich komme aus Sachsen und bin seit über 25 Stunden auf den Beinen. Und das geht Sie gar nichts an was wir hier machen.“ Nett wie ich bin habe ich dann nach seinem Namen und seiner Dienstnummer gefragt, das hat er dann mit konsequentem Weghören und seinem Rücken quittiert. Erst als ich meine Kamera rausgeholt und ihn fotografiert habe, war er wieder gesprächsbereit. Er wollte dann nämlich meine Kamera beschlagnahmen und meinen Ausweis. Da ich rhetorisch nicht ganz auf den Mund gefallen bin und er sich immer noch weigerte mir Namen, Nummer oder Dienststelle zu nennen, habe ich ihm den Gefallen nicht erwiesen. Letztendlich kam dann ein Kollege (er gab sich selbst als Gruppenleiter aus), er hat mir die Gesetzeslage ruhig erklärt und mich gebeten ihm die Fotos zu zeigen bzw. ggf. zu löschen. Auf den Schnappschüssen war nichts zu sehen, der betreffende Kollege hat allerdings noch ne Standpauke bekommen. Ich dachte immer die Polizei sollte deeskalierend wirken.

Um 0.30 Uhr war unsere Gruppe wieder beisammen. Wir sind auf den Bahnsteig und haben dann irgendwann (1.30?) unseren Zug zurück bekommen (die Bahn hatte natürlich auch Verspätung). Wenn schon daneben dann auch bitte richtig.

Das Wochenende war gelaufen. Eine so schlechte Organisation allein nur im Umfeld (mehr habe ich nicht mitbekommen) habe ich in Berlin nicht erlebt. Wie kann man grosse Menschenmassen über einen zentralen Zugang auf ein Festivalgelände schicken? Ich rede hier nicht von 100.000 auf einem (teuren) Rockkonzert, sondern von einer kostenlosen Open Air-Veranstaltung? Wie kann man alle Menschen über einen Bahnhof an- und wieder abreisen lassen? Wer organisiert so einen Mist? Waren die Verantwortlichen nur besoffen? Ich kann nur hoffen, dass diese Tragödie lückenlos aufgeklärt wird. Menschenleben holt man dadurch natürlich nicht zurück, mein Respekt gilt allen die auf welcher Art und Weise auch immer mit den Opfern zu tun haben.

Wer auch immer letztendlich die Verantwortung zugewiesen bekommt, sollte nicht mehr ruhig schlafen dürfen. Wir leben in einem hochtechnisierten Land, in dem jeder Pfurz unter Vorratsdatenspeicherung fällt und in dem man sehr gläsern ist. Und da sind plötzlich Leute überfordert, die eine Grossveranstaltung organisieren wollen/sollen? Die Loveparade gibt es ja nicht erst seit drei Jahren und es dürfte klar sein, dass bei einer so zentralen Lage mit Millionen Besuchern gerechnet werden muss. Und dann schleusen die überbezahlten und vmtl. kommerzhungrigen Organisatoren eine so grosse Masse über wenige zentrale und zu enge Punkte? Unfassbar…