Unruhen in Tunesien

Eigentlich halte ich mich hier an dieser Stelle zurück wenn es um politische Ereignisse geht. Das liegt nicht daran weil ich keine Meinung habe sondern eher an den Reaktionen und schwarzen Audis vor der Tür, die man durch unbedachte Bemerkungen riskiert. So wie ich mich kenne würde es hier von unzensierten Aussagen nur so wimmeln. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle ein Thema aufgreifen, welches mich unruhig macht: Die Krawallen in Tunesien. Ich habe direkt keine Beziehungen zu dem Land, habe dort aber vor vier Jahren Urlaub gemacht. Als Tourist habe ich Land und Leute eher als ausgeglichen erlebt. Das liegt natürlich daran, dass man als Urlauber in seinem Hotel hockt, zum Strand stolpert oder die typischen Touri-Orte besucht und Rundreisen absolviert.

Tunesien, ein Land zwischen Europa und Afrika, ehemalige französische Kolonie, zweisprachig (Arabisch und Französisch), grosse bunte Metropolen und 3000 Jahre alte Höhlenwohnungen. Die Gegensätze sind entsprechend gross. Während Tunis, Monastir oder Sousse eher den Eindruck erwecken als würde man in Südeuropa, gibt es ein paar Kilometer ausserhalb der Städte die besagten Höhlenwohnungen oder Baracken, in denen es zwar Strom etc. gibt, die Traditionen aber noch Vorrang haben. Eine Gemeinsamkeit haben sie: Sie sind sauer auf den tunesischen Präsidenten Zine al-Abidine Ben.

Tunis

Vor etwa drei Wochen begannen Jugendliche gegen die in Tunesien herrschende Jugendarbeitslosigkeit zu demonstrieren, nachdem sich ein arbeitsloser Akademiker selbst verbrannt hat (das berichtet u.a. Spiegel Online). Der Hochschulabsolvent hatte sich als Obst- und Gemüsehändler über Wasser gehalten, allerdings keine Lizenz für dieses Gewerbe. Die Behörden hatten daraufhin Ware beschlagnahmt und ihm so die Lebensgrundlage erzogen. Sein Selbstmord hat das Fass dann zum Überlaufen gebracht: Streiks, Demonstrationen, Tumulte. Gründe gibt es genug: Arbeitslosigkeit, enorme Preissteigerungen bei Lebensmitteln, Zensur. Seit vorgestern haben diese Auseinandersetzungen auch die Hauptstadt Tunis erreicht. Die Regierung schlägt zurück und schickt Polizei und Militär zu den Demonstrationen, für Tunis gilt eine Ausgangssperre. Präsident Zine al-Abidine Ben versucht derweil Zeichen zu setzen. Er hat seinen Innenminister entlassen, festgenommene Demonstranten (die vorher aus „Terroristen“ deklariert wurden) sollen aus den Gefängnissen entlassen werden. Die Ausschreitungen haben mittlerweile viele Landesteile erfasst.

Die Auslöser für die Demonstrationen gibt es nicht nur in Tunesien. Auch in anderen islamischen Ländern gibt es eine grosse Spanne zwischen Leuten mit und ohne Geld. Die Letztgenannten verlieren oft die Bodenhaftung und entscheiden über Dinge, die sie nicht nachvollziehen können (z.B. Lebensmittelpreise). Ich hoffe, dass sich daraus kein Flächenbrand entwickelt, der weitere Länder / Regionen erfasst. Und ich hoffe, dass die tunesische Regierung nicht mit allen Mitteln an ihrem Kurs festhält und sich zum Dialog öffnet.

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