Jugendradios auf der Überholspur?

Glaubt man Reinhard Bärenz (Musikchef von MDR Sputnik), sind die ARD-Jugendradios auf Erfolgskurs. So liest sich auch das Interview im musikmarkt. Dort heisst es beispielsweise:

Überhaupt brachte die im Juli veröffentlichten Reichweiten die Radiobranche wieder vermehrt in Feierlaune. So stieg die Nutzungsdauer – also der Zeitaufwand, den junge Hörer (14 bis 29 Jahre) mit dem Radio verbringen – mit einem Plus von täglich 13 Minuten zuletzt deutlich an. Gleichzeitig konnten neben 1Live auch Programme wie Das.Ding, You.FM oder der Klassiker Fritz im Nordosten Reichweitengewinne vermelden – und damit Vorurteile vom überalterten Medium widerlegen (…) Mit “einem hohen Info-Anteil sowie der Überlegenheit an journalistischen Qualitäten und Resourcen”, so Sputnik-Musikverantwortlicher Reinhard Bärenz, sieht man sich heute in einem Wettbewerbsvorteil gegenüber der privaten Konkurrenz von Energy oder 89.0 RTL. Auch das Musikprofil wurde gegenüber den veränderten Nutzungsgewohnheiten junger Menschen angepaßt. Wie alle Jugendradios muss Bärenz einen Musik-Mix präsentieren, der dem wenig kompromissbereiten Musikgeschmack heutiger Jugendlicher standhält. Während die AC-Sender bei der Musikplanung auf eine deutlich höhere Toleranzschwelle ihrer Hörer zählen dürfen, gilt bei den jungen Radios schon ein nicht genehmer Song als Ausschaltfaktor. In der Konsequenz spielt Sputnik einen ungefähr gleichgewichtigen Mix aus Pop-Musik, R&B und Rock – wobei bei diesem Segement der Anteil an gängigem New Rock (Songs á la Kaiser Chiefs oder Kooks) markant heraussticht. Mit dem Relaunch erweiterte man gleichzeitig die Gesamtrotation der gespielten Songs im Tagesprogramm. Musikchef Bärenz verweist hier auf einen wesentlichen Unterschied zum Privatfunk: “Wir spielen neue Titel im Tagesverlauf maximal dreimal am Tag und sorgen dafür, dass aktuelle Hits nicht schon in der Promotion-Phase ‘verbrannt’ werden. Gleichwohl kommen die Hörer damit in den Genuß einer deutlich größeren Titelvielfalt.”

Das liest sich ja gar nicht mal so schlecht. Titel maximal dreimal am Tag spielen, Einbindung von Onlineelementen (Blogs, Communities usw.), viele Informationen und so weiter. Die Die Realität sieht aber – zumindestens bei NDR und WDR – anders aus. Mich interessieren im Auto oder beim Rasieren nicht die Homepages der Sender oder die inhaltsreichen Sendungen nach 20.00 Uhr (wobei ich an dieser Stelle eine Lanze für 1LIVE brechen muss, das Abendprogramm ist durchaus hörenswert). Viel mehr rege ich mich über die sich täglich wiederholenden Titel auf (ein halbes Jahr „Umbrella“ von Rihanna im 4 Stunden-Takt), den fehlenden Mut bei der Musikplanung (welcher Jugendsender spielt ähnlich viel „Dance“ wie Black oder Rock?) und die oftmals inhaltslosen Moderationen (gerade bei 1 LIVE). Technische Dinge wie z.B. Soundprocessing lasse ich an dieser Stelle einmal raus (obwohl hier auch seeehr viel im Argen liegt). Jeder MP3-Player mit halbwegs grosser Speicherkapazität oder einem ARD-ähnlichen Team zu Pflege ist da spannender. Vielleicht bin ich aber mittlerweile auch alt für die sog. Jugendradios (die Vermutung hatte ich ja bereits Anfang 2007).

Vor einigen Wochen habe ich mit ehemaligen und aktiven Radiomachern in grosser Runde über das „ultimative Format“ diskutiert. Dieses wird es wohl nicht geben. Es gibt aber Elemente, die einen Hörer wirklich einschalten lassen (wenn er auf diese Punkte hingewiesen wird). Doch all diese Punkte vermisse ich nicht nur bei den Jugendradios (wiederum speziell NDR und WDR). Bevor ich täglich N-Joy oder 1LIVE hören müsste, bestücke ich tatsächlich lieber jeden Abend meinen MP3-Player aufs neue oder greife auf vorwiegend ausländische Sender via Internet zurück. Dort spielen die in Deutschland leider überall im Radio anwesenden Berater eine untergeordnete Rolle. Und bevor dieser Groschen in den Chefetagen der deutschen Sender gefallen ist, ist auch der letzte Hörer auf Festplatte, iPod oder Webradio aus Italien umgestiegen. Sicher gibt es einige interessante Radiosender in Deutschland, diese lassen sich aber leider an einer Hand abzählen.

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